Es gibt mittlerweile unzählige Studien, die sich mit dem Zusammenhang von Hörverlust und Demenzrisiko beschäftigen. Wir haben einige ausgewählte Studien für Sie zusammengestellt. 

Ausgewählte wissenschaftliche Studien

Unbehandelter Hörverlust als größter Risikofaktor für Demenz

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In diesem ausführlichen Artikel aus der Fachzeitschrift Lancet wird das Thema Demenz in allen Aspekten behandelt - von den Risiken und der Vorsorge bis zur Behandlung und dem Umgang mit Demenzerkrankten.
Sehr spannend ist dabei eine Abbildung (Abb. 4), die alle soweit bekannten Risikofaktoren für eine Demenzentwicklung über das Lebensalter gewichtet. Aufgrund der starken Zusammenhänge von Hörverlust und Demenzrisiko und der großen Prävalenz, also des häufigen Vorkommens, ist ein unversorgter Hörverlust, besonders schon im mittleren Lebensalter, der größte, beeinflussbare Risikofaktor für eine spätere Demenzentwicklung. Daneben spielen Faktoren wie Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Rauchen, Diabetes und physische Inaktivität ein Rolle, ebenso wie mentale Faktoren z.B. soziale Isolation und Depression, die wiederum indirekt durch Hörverlust verursacht werden können.

Livingston G et al., 2017. Dementia prevention, intervention, and care. Lancet

Je stärker der Hörverlust desto höher das Demenzrisiko

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In dieser viel zitierten Studie wurden die Patienten über 12 Jahre beobachtet. Zu Beginn der Studie waren alle geistig gesund, litten aber an unterschiedlichen Graden von Hörverlust. Im Laufe der Zeit entwickelten 58/ 639 Patienten nach medizinischer Diagnose Demenz. Das spannende an dieser Studie war die Beobachtung derselben Patienten über einen langen Zeitraum. Dadurch konnte nicht nur der Hörverlust als unabhängiger Risikofaktor für eine Demenzentwicklung erkannt werden, sondern zudem eine Art Dosis-Anhängigkeit gezeigt werden; d.h. je stärker der Hörverlust der Patienten zu Beginn der Studie war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit im Laufe der 12 Jahre Demenz zu entwickeln. Dabei stieg das Risiko mit jeden 10dB Hörverlust um das 1,3-fache an. Bei einem leichten Hörverlust lag es damit bei 1,9-fach, bei einem mittelschweren Hörverlust bei 3-fach und bei hochgradig Schwerhörigen war das Risiko fast 5-fach erhöht.

Lin, FR et al., 2011. Hearing loss and incident dementia. Arch. Neurol.

Hörverlust hängt auch mit anderen altersbedingten Erkrankungen als Demenz zusammen

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In dieser Arbeit wurden die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten Dekade kritisch betrachtet und alle danach noch haltbaren Publikationen zum Thema Hörverlust und gesundheitlicher Abbau im Alter studiert. Dabei erscheinen Diabetes und Bluthochdruck eher als Indikatoren für einen Hörverlust, während ein unbehandelter Hörverlust selbst stark assoziiert war mit zunehmender Altersgebrechlichkeit, Depression bzw. Angstgefühlen und besonders mit einem höheren Demenzrisiko. 


Besser J et al., 2018. Comorbidities of hearing loss and the implications of multimorbidity for audiological care. Hearing Research  

Verschiedene Hypothesen über den Zusammenhang von Hörverlust und Demenzrisiko

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Wissenschaftlich immer noch debattiert, fasst diese Arbeit die aktuellen Hypothesen zusammen, die den Zusammenhang zwischen Hörverlust und gesteigertem Demenzrisiko betreffen. (i) Eine immer noch nicht komplett widerlegte Theorie legt beiden Erkrankungen dieselbe neurologische Ursache zugrunde. Damit wäre ein Hörverlust eher ein Anzeichen für eine spätere Demenz als deren Verursacher. 
Zwei andere Hypothesen verknüpfen die beiden Erkrankungen dagegen kausal: (ii) Hörverlust wirkt auf zwei Wegen, zum einen führt eine immer schlechtere Kommunikationsfähigkeit häufig in soziale Isolation, die wiederum Auslöser einer Depression sein kann. Zum anderen führen die dauerhaft schlechteren und geringeren akustischen Signale in den Hörzentren im Gehirn zu einem Abbau der Nervenverbindungen und Zellstrukturen. Die Umstrukturierung und Neurodegeneration ebnet schließlich die Bahn für eine Demenzentwicklung. 
(iii) Nach der Theorie der kognitiven Überladung ist die Ursache eine Umverteilung der geistigen Kapazitäten. Durch den Hörverlust bedingt, werden andere Hirnbereiche zum Entschlüsseln der nur noch lückenhaften akustischen Signale rekrutiert. Funktionen wie unsere Kombinationsgabe oder das Gedächtnis an bisher erlebte Gespräche helfen beim Auffüllen der Lücken, um möglichst lange Sprachverstehen zu erhalten. Diese Funktionen können aber nicht zwei Aufgaben zugleich übernehmen und es fehlt letztlich an geistigen Ressourcen in den anderen Bereichen. 


Uchida Y et al., 2018. Age-related hearing loss and cognitive decline - The potential mechanisms linking the two. Auris Nasus Larynx

Ohne Hörversorgung können geistige Leistungen bei einem Hörverlust schneller abnehmen

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In dieser Studie wurden 125 Probanden im Alter von 65 und älter in Bezug auf ihre kognitiven Leistungen und depressive Störungen evaluiert. Dabei hatten 1/6 noch ein gesundes Gehör und 5/6 der Patienten einen deutlichen Hörverlust. Letztere wurden weiter unterteilt in 5 Gruppen, eine davon ohne Hörversorgung, die anderen Gruppen mit unterschiedlicher Art der Hörversorgung. Im Vergleich schnitten alle Gruppen mit Hörversorgung besser ab bei Kurz- oder Langzeitgedächtnis und allgemeiner kognitiver Leistung als die Gruppe mit Hörverlust ohne Hörgeräte. Auch das Gefühl von Depression war deutlich weniger vorhanden bei einer Hörversorgung, da dann die Kommunikation mit den Mitmenschen wieder verbessert war. Die Kontrollgruppe mit intaktem Gehör war in allen Kategorien besser, denn hier hatten die vollständigen akustischen Reize das Gehirn dauerhaft gefordert und aktiviert.

Castiglione A et al., 2016. Aging, Cognitive Decline and Hearing Loss: Effects of Auditory Rehabilitation and Training with Hearing Aids and Cochlear Implants on Cognitive Function and Depression among Older Adults. Audiol Neurootol.

Nach nur einem Jahr mit Hörversorgung sind funktionale Veränderungen in der Hirnstruktur messbar

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Hier wurden 14 Patienten vor und ein Jahr nach ihrer Hörgeräteversorgung bezüglich der Aktivität in ihren auditorischen Sprachzentren im Gehirn untersucht u.a. mittels fMRI (Magnetresonanztomographie). Vor der Versorgung zeigten alle Patienten eine deutlich reduzierte Aktivität im Vergleich zur Kontrollgruppe mit intaktem Gehör. Nach einem Jahr kontinuierlichem Tragens der Hörgeräte konnte eine signifikante Verbesserung in der Sprachmessung verzeichnet werden, also im Verstehen von Sprache, sowie eine erhöhte fMRI Aktivität im auditorischen Kortex und den Sprachzentren des Gehirns. Damit konnte zum ersten Mal gezeigt werden, dass mit einer Hörgeräteversorgung anatomische und auch funktionale Veränderungen in den Hörzentren stattfinden, die besseres Verstehen ermöglichen.  


Pereira-Jorge MR et al., 2018. Anatomical and Functional MRI Changes after One Year of Auditory Rehabilitation with Hearing Aids. Neural Plast.

Gezielte Hörversorgung mit Hörtraining hilft der geistigen Fitness mehr als andere Maßnahmen

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In dieser Pilotstudie wurde erstmals untersucht, ob eine gezielte Intervention bei einem Hörverlust geistige Fitness fördern kann. Jeweils 20 ältere Patienten mit unbehandeltem Hörverlust wurden entweder mit Hörgerät und Hörtraining versorgt (Gruppe 1) oder waren ohne Hörversorgung, wurden aber mittels anderer Fitness- und Trainingsaufgaben („10 Keys to Healthy Aging”) geistig gefördert (Gruppe 2). Zu Beginn und erneut nach 6 Monaten Training wurden die Patienten u.a. nach ihrem Befinden bezüglich Depression befragt und mittels verschiedener Tests auf ihre Gedächtnis-, Sprach- und Aufmerksamkeitsleistung geprüft. Dabei war trotz der kleinen Probandenzahl und der kurzen Zeitspanne schon ein klarer Trend zu sehen: In Gruppe 1 mit Hörversorgung waren kognitive Leistungen, besonders das Gedächtnis, besser geworden als in Gruppe 2. Durch das bessere Verstehen dank Hörsystem war auch das Gefühl von Isolation und Depression deutlich gesunken verglichen mit der Kontrollgruppe. Zum ersten Mal konnte eine kontrollierte Studie mit ethisch vertretbarer und sinnvoller Kontrollgruppe zeigen, dass eine gezielte Hörversorgung geistige Gesundheit gerade im Alter tatsächlich fördern kann. 


Deal JA et al., 2017. A randomized feasibility pilot trial of hearing treatment for reducing cognitive decline: Results from the Aging and Cognitive Health Evaluation in Elders Pilot Study. Alzheimers Dement (N Y).