Kurz-Antwort
Pfeifen, Rauschen, Summen oder Brummen, das nur Sie selbst hören: So beschreiben Menschen ihren Tinnitus. Ohrgeräusche sind häufig. Nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga kennen viele Erwachsene sie zumindest vorübergehend. Für die meisten ist das Geräusch harmlos und wird mit der Zeit weniger störend. Wichtig ist, die wenigen Situationen zu kennen, in denen es schnell gehen sollte.
Dieser Beitrag fasst die deutsche S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ (AWMF-Register 017/064) in einfacher Sprache zusammen. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung.
Akut oder chronisch – was bedeutet das?
Die Leitlinie unterscheidet nach der Dauer. Besteht ein Ohrgeräusch kürzer als drei Monate, spricht man von akutem Tinnitus. Hält es länger an, gilt es als chronisch.
- Akuter Tinnitus tritt oft nach Lärm, Stress, einem Infekt oder zusammen mit einem Hörsturz auf. Er geht bei vielen Menschen in den ersten Wochen zurück.
- Chronischer Tinnitus bleibt bestehen. Entscheidend ist dann weniger die Lautstärke als die Frage, wie sehr er den Alltag, den Schlaf und die Stimmung belastet.
Bei diesen Warnzeichen bitte heute noch ärztlich abklären lassen
- Das Ohrgeräusch ist plötzlich aufgetreten, vor allem mit Hörverlust oder Druckgefühl.
- Es betrifft nur ein Ohr.
- Es pulsiert im Rhythmus des Herzschlags.
- Dazu kommen Schwindel, Ohrenschmerzen oder Ausfluss aus dem Ohr.
Bitte noch heute ärztlich abklären lassen – außerhalb der Sprechzeiten ärztlicher Bereitschaftsdienst 116117. Bei starken Beschwerden oder Lähmungen: Notruf 112. Rufen Sie uns gern zusätzlich an.
Was bei der Abklärung passiert
Am Anfang steht eine gründliche Bestandsaufnahme: ein ausführliches Gespräch, ein Hörtest und Fragen zur Vorgeschichte. Genau damit beginnt auch unsere Tinnitus-Beratung – inklusive Bestimmung Ihres Ohrgeräuschs nach Tonhöhe und Lautstärke. Häufig wird auch erfragt, wie stark der Tinnitus belastet – etwa mit einem standardisierten Fragebogen.

Viele Ohrgeräusche entstehen im Zusammenhang mit einer Veränderung des Innenohrs, oft zusammen mit einem Hörverlust, der vorher gar nicht aufgefallen war. Das Gehirn „dreht“ dann gewissermaßen die Verstärkung hoch – und nimmt dabei ein Geräusch wahr, das von außen nicht da ist.
Was die S3-Leitlinie empfiehlt
Aufklärung und Beratung (Counseling)
Verstehen hilft. Wer weiß, woher das Geräusch kommt und dass es in der Regel nicht gefährlich ist, kann leichter gelassen damit umgehen. Die Leitlinie nennt eine fundierte Aufklärung als Grundlage jeder Behandlung.
Kognitive Verhaltenstherapie
Bei deutlicher Belastung empfiehlt die Leitlinie eine tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie. Sie verändert nicht das Geräusch selbst, sondern den Umgang damit. Für diesen Ansatz ist die Studienlage am besten.
Hörgeräte bei begleitendem Hörverlust
Besteht neben dem Tinnitus ein Hörverlust, soll dieser laut Leitlinie mit Hörgeräten versorgt werden. Wer wieder besser hört, nimmt mehr Umgebungsgeräusche wahr. Das kann dazu beitragen, dass das Ohrgeräusch weniger im Vordergrund steht. Eine Garantie, dass der Tinnitus leiser wird, gibt es nicht.
Begleitende Beschwerden mitbehandeln
Schlafstörungen, Angst oder depressive Verstimmungen sollen eigenständig behandelt werden. Auch Verspannungen im Kiefer- oder Nackenbereich können eine Rolle spielen und gehören dann in zahnärztliche oder physiotherapeutische Hände.
Was nicht belegt ist
Die Leitlinie ist hier deutlich. Folgende Ansätze werden bei chronischem Tinnitus nicht empfohlen, weil ein Nutzen nicht belegt ist:
- Medikamente gegen das Ohrgeräusch, zum Beispiel Durchblutungsmittel oder Kortison-Infusionen bei chronischem Tinnitus
- Nahrungsergänzungsmittel wie Ginkgo, Zink oder Melatonin
- Noiser als alleinige Maßnahme (Geräte, die nur ein Rauschen erzeugen)
- Verschiedene Stimulationsverfahren außerhalb von Studien
Seien Sie vorsichtig bei Angeboten, die eine „Heilung“ versprechen oder hohe Summen vorab verlangen. Seriöse Beratung erklärt offen, was belegt ist und was nicht.
Tinnitus und Hörsturz: Warum Zeit eine Rolle spielt
Tritt ein Ohrgeräusch zusammen mit einem plötzlichen Hörverlust auf einem Ohr auf, kann ein Hörsturz dahinterstecken. Dann sollten Sie nicht abwarten, sondern das noch am selben Tag ärztlich abklären lassen – außerhalb der Sprechzeiten über 116117. Für die Behandlung des akuten Hörsturzes gibt es eine eigene Leitlinie; die Empfehlungen zum chronischen Tinnitus gelten dafür nicht.
Wie eine Hörberatung bei Tinnitus abläuft
Wir sind Ihre erste Anlaufstelle bei Ohrgeräuschen – unsere Inhaberin ist Expertin für Tinnitus und Hörtests. Der logische erste Schritt ist deshalb ein Hörtest mit Tinnitus-Analyse bei uns. Dabei beginnt die Beratung mit einem ausführlichen Gespräch über Ihr Ohrgeräusch und Ihren Alltag. Danach folgen ein Ton- und ein Sprachverstehenstest. Zeigt sich ein Hörverlust, erklären wir, welche Hörsysteme in Frage kommen, und Sie können sie im Alltag ausprobieren. Ob Ihnen das hilft, beurteilen am Ende Sie selbst – ehrlich und ohne Kaufdruck. Sollte darüber hinaus etwas abgeklärt werden müssen, sagen wir es Ihnen offen.
Wer gut hört und trotzdem stark belastet ist, braucht meist keinen Hörakustiker, sondern psychotherapeutische Unterstützung oder eine spezialisierte Tinnitus-Sprechstunde. Auch das sagen wir offen.
Was Sie selbst tun können
- Stille vermeiden: Leise Hintergrundgeräusche, etwa ein offenes Fenster oder ruhige Musik, lassen das Ohrgeräusch oft weniger auffallen.
- Lärm meiden: Schützen Sie Ihre Ohren bei Konzerten, beim Heimwerken oder bei lauter Arbeit.
- Austausch suchen: Die Deutsche Tinnitus-Liga vermittelt Selbsthilfegruppen. Gespräche mit anderen entlasten viele Betroffene.
- Hören prüfen lassen: Ein Hörtest klärt, ob ein Hörverlust mitspielt.
Häufige Fragen
Wann ist ein Ohrgeräusch ein Notfall?
Bei einem plötzlich aufgetretenen, einseitigen oder pulsierenden Ohrgeräusch, bei gleichzeitigem Hörverlust, Schwindel oder Druckgefühl bitte noch heute ärztlich abklären lassen – außerhalb der Sprechzeiten ärztlicher Bereitschaftsdienst 116117. Im Notfall: 112.
Was ist der Unterschied zwischen akutem und chronischem Tinnitus?
Die deutsche S3-Leitlinie spricht von chronischem Tinnitus, wenn das Ohrgeräusch länger als drei Monate besteht. In den ersten Wochen geht ein Tinnitus bei vielen Menschen von selbst zurück oder wird deutlich leiser.
Was empfiehlt die S3-Leitlinie bei chronischem Tinnitus?
Empfohlen werden eine gründliche Bestandsaufnahme mit Hörtest, eine verständliche Aufklärung (Counseling) und – bei Belastung – eine tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie. Liegt zusätzlich ein Hörverlust vor, soll dieser mit Hörgeräten versorgt werden.
Helfen Tabletten, Infusionen oder Nahrungsergänzungsmittel gegen Tinnitus?
Für chronischen Tinnitus gibt es laut S3-Leitlinie kein Medikament mit belegter Wirkung auf das Ohrgeräusch. Auch Nahrungsergänzungsmittel wie Ginkgo, Zink oder Melatonin werden nicht empfohlen.
Können Hörgeräte bei Tinnitus helfen?
Wenn neben dem Tinnitus ein Hörverlust besteht, empfiehlt die Leitlinie eine Hörgeräteversorgung. Sie verbessert das Hören und kann dazu beitragen, dass das Ohrgeräusch weniger im Vordergrund steht. Eine Garantie, dass der Tinnitus leiser wird, gibt es nicht.
Was sind Noiser und sind sie sinnvoll?
Noiser erzeugen ein gleichmäßiges Rauschen. Für einen Nutzen von Noisern allein gibt es laut S3-Leitlinie keinen ausreichenden Beleg. Kombigeräte, die Hörgerät und Rauschen verbinden, können bei begleitendem Hörverlust im Einzelfall eine Option sein.
Quellen: S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus (AWMF 017/064), Deutsche Tinnitus-Liga e. V., WHO. Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Autor: Philipp F. Offenbecher, Hörakustikmeister. Stand: Oktober 2026.

